Judas im ETA Hoffmann Theater: Eine Verteidigungsrede gegen das vorschnelle Urteil


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Judas tritt aus dem Schatten der Anklage
Ein Mann verlangt Gehör, dessen Name seit Jahrhunderten als Synonym für Verrat gilt: Judas Ischariot. In Walter Jens’ pointierter Verteidigungsrede erhält der vermeintliche Schuldige eine eigene Stimme. Am 7. November 2026 verwandelt sich das Studio des ETA Hoffmann Theaters Bamberg in einen konzentrierten Denkraum für eine der widersprüchlichsten Figuren der christlich-abendländischen Überlieferung.
Ein Monolog zwischen Schuld und göttlichem Plan
Die Dramaturgie verschiebt den Blickwinkel radikal: Nicht die Anklage spricht, sondern der Angeklagte selbst. Judas verteidigt seine Entscheidungen mit theologischer Schärfe, leidenschaftlicher Logik und schonungsloser Selbstbefragung. Er hadert, zweifelt und stellt die Frage nach seiner Rolle im göttlichen Plan neu. Aus der bekannten Bibelgeschichte entsteht ein spannendes Theater über Verantwortung, Vorurteil und die Macht tradierter Erzählungen.
Walter Jens und das Ende des einfachen Urteils
Walter Jens zeichnet Judas nicht als eindimensionale Chiffre des Bösen, sondern als Menschen innerhalb einer übermächtigen Heilsgeschichte. Das Stück richtet sich gegen die Mechanismen des Sündenbocks und prangert jahrtausendealten christlichen Antisemitismus an. Die sprachlich präzise Vorlage verbindet Literaturtheater, religiöse Motivgeschichte und gesellschaftliche Reflexion zu einem sezierenden Bühnenmonolog.
Regie, Schauspielkunst und unmittelbare Nähe
Regisseur Tim Adam und Schauspieler Marek Egert erzählen die Geschichte des vermeintlichen Verräters mit großer Unmittelbarkeit. Bühne und Kostüm von Anaïs Buzduga sowie die Dramaturgie von Lea Mantel rahmen das Bühnenerlebnis. Im Studio bestimmen Sprache, Akustik und die Präsenz des Darstellers die Theateratmosphäre. Jeder Zweifel, jeder Angriff und jede Wendung gewinnt dadurch eine körperliche Nähe, die das Publikum unmittelbar erreicht.
Bibellektüre auf Hochspannung
Diese Inszenierung liest die Bibel nicht nach, sondern gegen den Strich. Vertraute Glaubensbilder geraten in Bewegung, während Judas seine Verteidigung wie ein inneres Tribunal entfaltet. Die Schauspielkunst von Marek Egert trägt den Abend durch wechselnde Tonlagen: Anklage und Reue, Trotz und Verzweiflung, intellektuelle Klarheit und menschliche Verwundbarkeit. So wird die Bühne zum Resonanzraum für Fragen, die weit über die religiöse Überlieferung hinausweisen.
Fazit: Theater als Erkenntnisraum
Judas - Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot verspricht ein dichtes, herausforderndes Bühnenerlebnis im Studio des ETA Hoffmann Theaters. Walter Jens’ Text, Tim Adams Regie und Marek Egerts eindringliche Darstellung führen mitten hinein in einen Konflikt über Schuld, Ausgrenzung und Verantwortung. Wer Theater als unmittelbare Begegnung und als Ort des Denkens erleben möchte, sollte diesen Abend live in Bamberg entdecken.
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