Judas im ETA Hoffmann Theater: Ein Verräter fordert die Geschichte heraus


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Judas tritt aus dem Schatten der Anklage
Wer war Judas Ischariot wirklich: Verräter, Werkzeug eines göttlichen Plans oder ein Mensch, dem die Geschichte nie eine eigene Stimme zugestand? Walter Jens verschiebt in seiner pointierten Verteidigungsrede die Perspektive und lässt den Angeklagten selbst sprechen. Am 30. Oktober 2026 wird daraus im Studio des ETA Hoffmann Theaters Bamberg ein konzentriertes Bühnenerlebnis mit Marek Egert.
Ein Monolog gegen das vorschnelle Urteil
Die Inszenierung stellt eine der prägendsten Figuren der christlich-abendländischen Überlieferung vor ein imaginäres Gericht. Judas verteidigt seine Entscheidungen mit Leidenschaft, theologischer Schärfe und schonungsloser Logik. Er hadert, zweifelt und zwingt sein Publikum dazu, die vertraute Erzählung vom Verrat neu zu betrachten.
Im Zentrum steht dabei nicht nur die biblische Figur, sondern auch die Frage, wie Gesellschaften Schuld verteilen und Menschen zu Sündenböcken machen. Jens’ Text richtet den Blick auf jahrtausendealten christlichen Antisemitismus und entwickelt daraus ein eindringliches Plädoyer für Verantwortung, Differenzierung und eigenständiges Denken.
Schauspielkunst mit unmittelbarer Spannung
Marek Egert übernimmt die Rolle des Judas und trägt den Abend als zentrale Bühnenfigur. Die Regie von Tim Adam setzt auf Unmittelbarkeit und Greifbarkeit. Gemeinsam arbeiten sie an einer Inszenierung, in der Sprache zum dramatischen Bühnenbild wird: Jede Anklage, jeder Zweifel und jede Wendung verdichtet die Theateratmosphäre.
Für Bühne und Kostüm zeichnet Anais Buzduga verantwortlich, die Dramaturgie übernimmt Lea Mantel. Das künstlerische Team knüpft an die gemeinsame Arbeit an Die Welt im Rücken an, mit der Adam und Egert bereits die Gewölbe-Bühne des ETA Hoffmann Theaters in Bewegung brachten. Die Aufführung verspricht eine konzentrierte Form der Bühnenkunst, in der Akustik, Präsenz und sprachliche Präzision den Raum bestimmen.
Bibellektüre auf Hochspannung
Judas erscheint hier nicht als eindimensionale Chiffre des Bösen, sondern als widersprüchlicher Mensch innerhalb einer übermächtigen Heilsgeschichte. Gerade diese dramaturgische Umkehr macht den Theaterabend so reizvoll: Die bekannte Geschichte bleibt erkennbar, doch ihre moralischen Koordinaten geraten ins Wanken.
Die Inszenierung verbindet Literaturtheater, religiöse Motivgeschichte und gesellschaftliche Reflexion. Sie richtet sich an Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich auf einen intensiven Monolog, eine sprachlich anspruchsvolle Dramaturgie und ein Nachdenken über Schuld, Ausgrenzung und Verantwortung einlassen möchten.
Fazit: Ein Abend, der die Perspektive verändert
Judas – Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot verspricht ein dichtes, herausforderndes Bühnenerlebnis im Studio des ETA Hoffmann Theaters. Marek Egerts Schauspielkunst, Tim Adams Regie und Walter Jens’ präziser Text führen mitten hinein in einen Konflikt, der religiöse Überlieferung und Gegenwart miteinander verschränkt. Wer Theater als Erkenntnisraum erleben möchte, sollte diesen Abend live in Bamberg nicht verpassen.
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